„Alle wollen eine schnelle Entscheidung“

Was ich sagen kann – Gespräche über Kommunikation: Kerstin Wagner ist die Chef-Recruiterin der Deutschen Bahn. Sie sagt, dass es im Austausch mit Bewerbern vor allen Dingen um Geschwindigkeit geht.

07. März 2018

Frau Wagner, woran arbeiten Sie gerade?
Diese Woche diskutieren wir im Leitungskreis die Strategie zur Personalgewinnung 2018. Wir werden bei der Deutschen Bahn wieder viele neue Mitarbeiter einstellen…

Wie viele?
Weit über 10.000 und noch einmal knapp 4.000 Auszubildende oben drauf! Keine leichte Aufgabe bei diesem Arbeitsmarkt im Augenblick. Deshalb ist unser Anspruch auch im Jahr 2018, bei den Rekrutierungs­aktivitäten überraschend zu sein. Das treibt mich gerade um.

Wenn man sich Ihren YouTube-Kanal, aber auch die Website www.deutschebahn.com/karriere so anschaut, muss man sagen: erfrischend. Echte Menschen reden einigermaßen unverstellt über ihre Arbeit. Ist das die Leitlinie Ihrer Kommunikation?
Wir wollen uns als Arbeitgeber transparent darstellen, so, wie wir wirklich sind. Deshalb stellen wir unsere Berufe und unsere Mitarbeiter in den Vordergrund. Mein Kunde ist der potentielle Bewerber. Den interessieren drei Dinge: Wie sieht es bei uns aus? Was sind meine Aufgaben? Und wie sind meine künftigen Kollegen? Das sind die Leitfragen, auch für unsere Kampagne. Wir wollen ehrlich sagen, wo wir als Unternehmen stehen und wo wir besser werden müssen. Wenn jemand das Gefühl hat, dass er oder sie ähnlich tickt – Willkommen, Du passt zu uns. So lautet der Claim unserer Kampagne. Ich kann es aber auch anders auf den Punkt bringen: Wir fragen uns, was der Bewerber sucht, und nicht, wie wir uns schicker darstellen können.

Eben noch habe ich das Video mit Adiam gesehen, einem ihrer IT-Experten. Er sitzt im Zug und sagt entnervt zu sich selbst: „Hier, kein Internet. Oh Mann!“
Das meine ich mit Ehrlichkeit. Wir sagen, wo wir stehen, vermitteln aber unsere Ambition und unser Ziel, besser zu werden.

In den HR-Abteilungen der Unternehmen gibt es seit Jahren eine Diskussion dazu, wie man mit den vermeintlich so anspruchsvollen Millennials umgeht. Wie lautet Ihre Antwort auf diese Frage?
Ich will da keine Schubladen aufmachen, weil das nicht nur etwas mit der Generation, sondern auch mit der Arbeits­markt­situation zu tun hat: Die Bewerber haben heute eine große Auswahl, können sich oft aussuchen, wo sie arbeiten wollen. Zudem hat sich die Form der Kommunikation geändert. Wo finde ich meine Kunden, meine Bewerber? Wo und wie begegne ich ihnen auf Augenhöhe? Auf diese Fragen gibt es nicht mehr nur eine Antwort. Für jede Zielgruppe brauche ich eine eigene Lösung. Einen Schüler in der Berufs­entscheidung muss ich anders ansprechen als den erfahrenen Facharbeiter oder den Data Science-Experten.

Gibt es ein Bedürfnis, das alle Bewerber eint?
Alle wollen eine schnelle Entscheidung. Haben Sie gesehen, dass wir im Herbst Deutschlands größtes Bewerbungsgespräch veranstaltet haben?

Ja, aber erzählen Sie davon.
Wir haben an sieben Standorten in ganz Deutschland sieben Tage am Stück Bewerbungsgespräche angeboten. So haben wir mehr als 6.000 Kandidaten kennengelernt und fast 1.000 eingestellt.

Das ist ordentlich.
Das Bewerbungsverfahren war ganz einfach: Der Lebenslauf reichte aus, um sich bei uns vorzustellen. All die vielen Belege und Dokumente brauchten wir im ersten Schritt nicht.

Wie macht man Bewerben einfacher?
Bei Deutschlands größtem Bewerbungs­gespräch haben wir das persönliche Gespräch in den Vordergrund gestellt und Interviews auch früh morgens, spät abends oder an den Wochenenden angeboten. Unsere Entscheidung gab es direkt nach dem Gespräch, nicht Wochen später. Das ist übrigens eine Erwartungs­haltung, die durch die Digitalisierung entstanden ist: Ein Buch wollen Sie ja auch sofort bestellen und am nächsten Tag geliefert bekommen.

Das heißt also, dass es in der Kommunikation mit den potentiellen Mitarbeitern vor allem um Geschwindigkeit geht?
Allerdings. Wir testen gerade Chatbots aus, um online möglichst sofort Antworten geben zu können. Das ist der Anspruch der Bewerber: Wenn sie eine Frage haben, möchten sie die jetzt sofort beantwortet haben.

Einen Schüler in der Berufs­entscheidung muss ich anders ansprechen als den erfahrenen Fach­arbeiter oder den Data Science-Experten

Wie lange haben Sie Deutschlands größtes Bewerbungsgespräch vorbereitet?
Für die Antwort muss ich ausholen. Jahr für Jahr rekrutieren wir sehr viele Mitarbeiter und füllen sehr viele Vakanzen. Um diese Aufgabe lösen zu können, müssen wir als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden. Dieses Ziel erreichen wir nur, wenn wir hier, in meiner Abteilung, jeden Tag die Dinge neu denken. Das ist ein andauernder Prozess. Wir setzen uns deshalb sehr bewusst zusammen und denken frei von jeglicher Konvention nach. So entstand zum Beispiel die Idee zu unserem Virtual Reality-Projekt, bei dem man einem Gleisbautrupp oder einem Fahrdienstleister im Alltag über die Schulter schauen kann. Es ist wichtig, solche Sachen auszuprobieren.

Wie lange war der Vorlauf zum großen Bewerbungsgespräch?
Die Idee hatten wir drei Monate vorher. Für die reine Umsetzung haben wir sechs Wochen gebraucht.

Wie lange arbeiten Sie inzwischen bei der DB?
Fünfeinhalb Jahre.

Was hat sich aus Ihrer Sicht in dieser Zeit verändert?
Vor fünfeinhalb Jahren waren wir die ersten, die mit der Arbeitgeberkampagne „Kein Job wie jeder andere“ über alle Kanäle gingen, 360 Grad, inklusive TV und YouTube. Heute ist das Standard, das Employer Branding hat an der Stelle einen Riesenschub erfahren. Und während Facebook noch vor fünf Jahren das Mittel der Wahl war, verschiebt sich das Nutzer­verhalten inzwischen auf viele andere Plattformen wie etwa Snapchat.

Wie geht es der guten alten Stellenanzeige?
Das gute alte „Post and Pray“ nach dem Motto „Ich stelle eine Anzeige in den Markt und hoffe, dass sie irgendwie funktioniert“ ist lange vorbei. Wir gehen proaktiv auf Kandidaten zu, und das intensiviert sich von Jahr zu Jahr. Und dann geht es einmal mehr um wenig Hürden und viel Geschwindigkeit: Wir haben einen entscheidenden Marktvorteil, wenn sich Bewerber schnell und einfach bewerben können. Data Science spielt an der Stelle eine immer größere Rolle. Unsere Arbeit wird immer mehr von Zahlen und Technologien geprägt. Gleichzeitig schätzen Bewerber auch den direkten Kontakt und die persönliche Betreuung.

Was haben Sie in Ihrer Arbeit übers richtige Kommunizieren gelernt?
Ich kann andere nur begeistern, wenn ich selbst von den Themen überzeugt bin. Ich brauche eine Vision, die ich klar artikulieren muss. Ich muss anschaulich und einfach kommunizieren. Und um andere mit auf den Weg zu nehmen, muss ich eine Geschichte erzählen können, die in einen Kontext gebettet ist: Wo kommen wir her, wo wollen wir hin? Kann ich diese Fragen beantworten, wird meistens alles gut.


Die Deutsche Bahn beschreibt sich als „internationaler Anbieter von Mobilitäts- und Logistikdienstleistungen“ mit weit über 300.000 Mitarbeitern in 130 Ländern, davon etwa 190.000 allein in Deutschland. Die DB zählt damit zu den größten Arbeitgebern des Landes. In der Rubrik „Was ich sagen kann“ sprechen wir regelmäßig mit Experten über Kommunikation. Hier die Übersicht der bislang erschienenen Folgen.

Interview: Peter Wagner
Illustrationen: Frank von Grafenstein
Foto: PR