„Das Wie der Vermittlung ist so wichtig wie das Was“

Was ich sagen kann – Gespräche über Kommunikation: Dominik Bösl ist Vice President Consumer Driven Robotics bei Kuka und will den Roboter in unsere Häuser bringen. Nebenbei fragt er sich, wie man den Menschen die Angst vor Maschinen nimmt und welche Rolle Technologie in der Gesellschaft von morgen spielt.

11. Oktober 2018

Herr Bösl, woran arbeiten Sie gerade?
An i-do, unserer Roboterstudie. Und ich erforsche, wie sich Automatisierung auf die Gesellschaft auswirkt.

Sie haben Ihren Roboter i-do dieses Jahr auf zwei Messen vorgestellt. Erklären Sie die Idee dahinter.
i-do ist unsere Consumer-Robotic-Konzept-Studie. Sie können sich den Roboter vorstellen wie ein mobiles Möbelstück, in das sich alle möglichen Funktionen integrieren lassen.

Auf der Hannover Messe und auf der Automatica in München hatten Sie i-do mit einem „Kopf“ ausgestattet, in den eine Kamera integriert war. Der Roboter machte Bilder der Besucher, die sie sich auf ihr Telefon schicken lassen konnten.
Wir bauen i-do mit Kopf, aber auch ohne. Der Körper kann mit Modulen in seiner Funktionalität erweitert werden.

Sie denken den Roboter also als Betriebssystem, an das sich Funktionen koppeln lassen?
So ist es. Kuka selbst will diese Module nicht bauen. Wenn Sie sich ein Staubsauger-Modul wünschen, wird das nicht von Kuka kommen, sondern von einer Firma, der Sie zutrauen, den besten Staubsauger zu machen. Auf den Messen haben wir Beispielkonfigurationen gezeigt. Einmal war i-do der Partyfotograf, der umherfährt und Fotos macht. Sie können ihn aber auch als Telepräsenz-System verwenden…

Was heißt das?
Sie können ihn für Skype-Calls oder für die Tele-Visite beim Arzt verwenden. Die Möglichkeiten sind aus unserer Sicht vielfältig. i-do kann als Service-Roboter fungieren, in den Sie eine mobile Kaffeemaschine integrieren. Oder als Multimedia-Center mit Hi-Fi-Anlage, die Ihnen im Haus in die Zimmer folgt, in denen Sie sich aufhalten. Er könnte auch Getränkekisten tragen, Sie durch Museen führen oder sich in Krankenhäusern um die Medikamentenausgabe kümmern. Der Kreativität sind fast keine Grenzen gesteckt.

Bei einer Messe ist das ein feiner Eyecatcher. Aber ist solch ein automatischer Helfer für zu Hause nicht eine seltsame Vorstellung? Eine Maschine, die mir wie ein Geist durchs Haus folgt?
Aktuelle Studien zeigen, dass 78 Prozent der Deutschen gerne ein solches System hätten. Sie wünschen sich Unterstützung beim Runterbringen des Mülls, beim Bügeln, beim Abwasch. Soweit sind wir zwar noch nicht, aber die Wünsche sind vorhanden.

Schon in den Achtzigern titelte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sorgenvoll: „Der Fortschritt macht arbeitslos“. Daneben war ein Roboter zu sehen, der einen Arbeiter im Griff hat. So praktisch das im Haushalt sein mag: Machen uns die Maschinen überflüssig?
Es gibt sehr viele Studien, die belegen, dass durch Automatisierung mehr Arbeitsplätze geschaffen wurden, als weggefallen sind. Hinzu kommt: Wir wollen Technologie bauen, die Menschen unterstützt und sie nicht ersetzt. Das ist für mich die Grundprämisse meiner Arbeit. i-do kann in keiner Weise einen Menschen ersetzen.

Der Spiegel-Titel ist mehr als 30 Jahre her, und doch reden wir über i-do im Jahr 2018 als Konzeptstudie. Überschätzen wir die Geschwindigkeit des Wandels?
Die Idee eines Automaten, einer Maschine in Menschengestalt, die uns Aufgaben abnimmt, ist Jahrtausende alt. Sie finden die ersten Repräsentationen vor dreieinhalbtausend Jahren in Tempelanlagen. Dort gibt es Bilder von „Maschinen“, von Statuen, in die man eine Münze warf. Die Statue griff nach hinten und produzierte dort eine Seifenperle. Der Wunsch nach einem künstlichen Helfer ist also alt. Heute gibt es ganz tolle Robotersysteme, die mittlerweile sogar rückwärts Salti schlagen. Die sind aber sehr teuer, sehr komplex und brauchen viel Energie. Solche Systeme funktionieren aktuell für 15 Minuten, dann ist der Akku alle. Es gibt da Herausforderungen, die von Ingenieuren noch nicht gelöst wurden und die uns auch sicherlich noch einige Jahre beschäftigen. Deswegen sehen wir heute mit i-do immer noch erst einen Prototyp.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird künstliche Intelligenz mit Robotern verbunden, was in der Form Unsinn ist. Mit künstlicher Intelligenz lassen sich Prozesse optimieren, da tauchen eher selten Roboter auf. Wie kommt es zu der voreiligen Verknüpfung?
Jeder von uns hat schon mal sein Auto oder sein Handy oder seinen Computer angeschrien. Wir wollen Dinge beseelen, und das geht bei Dingen mit Gesicht besonders leicht. Dafür ist der Roboter prädestiniert: Etwas, das aussieht wie eine Person, muss ja auch eine Seele und eine Absicht haben. Deswegen müssen wir auch so vorsichtig sein mit Systemen, die Augen oder Gesichter haben.

Wenn ich meinen Eltern jemals ein Roboter-System mit Augen bringe, werden sie es in den Garten werfen

Liegt hier der Grund, weshalb Sie i-do nur auf Anfrage mit einem Kopf ausstatten?
Ja, weil man sonst leicht unterstellt, der Roboter habe einen Willen. Hinzu kommt natürlich der Hollywood-Effekt.

Was ist das?
Wovon lesen wir denn seit Jahrzehnten? Was sehen wir in Filmen? Immer diese supertollen Assistenzsysteme oder diese dystopischen Killermaschinen, die Menschen begeistern oder verstören und von denen sie annehmen, sie würden in kurzer Zeit vor der Tür stehen. Ein Zerrbild, weil wir von solchen Entwicklungen teils Jahrzehnte entfernt sind. Wir müssen diese Bilder auflösen und sinnvoll über den aktuellen Stand der Robotik berichten. Propheten wie Elon Musk oder Bill Gates warnen, Robotik und künstliche Intelligenz würden die Menschheit vernichten. Das ist negativer Technopopulismus, der eine differenzierte Diskussion verhindert. So entsteht Angst, die zu politischer Regulierung und verhinderter Innovation führt.

Wobei das auch Warnrufe zur rechten Zeit sind.
Wie bei jeder bahnbrechenden Neuerung gibt es Angst. 1830 glaubte man, die Menschen würden die Geschwindigkeit in Dampfzügen nicht überleben, weil der menschliche Körper für mehr als dreißig Stundenkilometer nicht ausgelegt sei.

Hm.
Wir schmunzeln heute darüber, aber die Aufgabenstellung war damals ähnlich wie jetzt: Wir müssen Technologie erklären und dürfen Risiken nicht beschönigen.

Die Idee einer Maschine in Menschengestalt ist Jahrtausende alt

Sie haben Informatik und Philosophie studiert. Wie lautet nochmal der Titel Ihrer Dissertation?
(lacht) Ich beschäftige mich darin mit Robotic Governance. Ich glaube, dass wir Regeln zur Selbstregulierung von Robotik brauchen. Wie wird sich Robotik auf die Welt und auf die Menschheit auswirken? Wie wird sie unsere Gesellschaft verändern? Dazu habe ich inzwischen auch die Forschungsstiftung Robotic Governance gegründet, die von Kuka losgelöst ist.

Wie lautet der Titel Ihrer Doktorarbeit? Ich hatte in der Vorbereitung davon gelesen.
„Robotic Governance, Social Economics, Social Political, Social Culture, Implications of Robotics and Society“.

Ich übersetze das mal nicht auf die Schnelle.
Ich kann auch versuchen, Ihnen das in Deutsch zu geben: Robotic Governance – die soziopolitische, soziokulturelle, sozioökonomische, juristische und ethisch-moralische Auswirkung der Automatisierung auf die Gesellschaft.

Wie kommt es, dass Sie sich für die Wirkung der Robotik auf die Gesellschaft interessieren? Das macht nicht jeder Informatiker oder Roboterbauer.
Ich bin der Überzeugung, dass wir Bildung und Ausbildung so gestalten müssen, dass jeder Techniker sofort an solche Fragestellungen denkt. Es geht um die holistische Betrachtung von Technologie und es geht um Technologiefolgenabschätzung. Beides sollte sich in jedem Hochschulcurriculum wiederfinden.

Wir zeichnen komplett utopische oder komplett dystopische Szenarien der Zukunft

Wie redet man über Maschinen, ohne Angst zu erzeugen?
Meine größten und schärfsten Kritiker sind meine Eltern. Sie sagen: Wenn ich ihnen jemals ein Roboter-System mit Augen bringe und ins Haus stelle, werden sie es in den Garten werfen und zusehen, wie es verrostet.

Eine klare Ansage.
Technologie muss so erklärt werden und erklärbar sein, dass jeder die Chance hat, sie zu verstehen. Außerdem muss sie relevant sein für die Menschen. Relevanz und Verständlichkeit sind wichtig.

Wie würden Sie i-do Ihren Eltern schmackhaft machen?
Meine Eltern sind zwar noch ziemlich fit, werden aber ein Alter erreichen, in dem das Tragen von Getränkekisten ein Problem darstellt. i-do könnte ihnen dabei helfen. Meine Mutter liebt Gartenarbeit, doch es wird mit der Zeit beschwerlich, den Abraum im Garten abzutransportieren. Ein System, das ihr nachfährt, ihr die Gartengeräte anreicht, könnte ihr gefallen. Mir wiederum gefiele ein Kamera-System, mit dem ich, wenn meine Eltern älter werden, nachsehen kann, ob in ihrem Haus alles in Ordnung ist.

Aber würde Ihren Eltern diese Form der Überwachung gefallen?
Das System können Sie zur Not auch in die Besenkammer sperren.

Brauchen wir mehr Vermittler und Erklärer von Technologie? Sie selbst, das habe ich bei Vorträgen erlebt, machen das unterhaltsam und engagiert.
Was die Welt braucht, sind Techno-Optimisten; und Menschen, die daran glauben, dass Technologie die Welt besser machen kann. Mir ist es wichtig, dass Menschen an das glauben, was sie sagen. Besonders häufig finde ich das in deutschen Unternehmen, gerade auch im deutschen Mittelstand. Dort gibt es Menschen mit Visionen und Ideen, die konsequent umgesetzt werden.

Was macht Ihnen Sorgen?
Wenn ich auf die Straße trete und Menschen zu Robotik befrage, werden die Meinungen stark von dem abweichen, was heute Realität ist. Ich würde von Sorgen und Ängsten hören, und Angst ist nie gut. Wir zeichnen entweder komplett utopische oder komplett dystopische Szenarien der Zukunft. Dabei sind die Dinge sehr viel differenzierter. Und die Entwicklung wird sehr viel langsamer gehen, sie wird sehr viel gradueller sein, als wir uns das denken. Außerdem wird sich Robotik in weitaus mehr Gestalten manifestieren, als wir das jetzt überhaupt sehen.

Sie arbeiten im achten Jahr bei Kuka?
Ja.

Wir wollen Dinge beseelen. Dafür ist der Roboter prädestiniert

Was haben Sie in der Beschäftigung mit Robotern gelernt?
Ich habe erst einmal gelernt, was ein Roboter überhaupt ist.

Okay.
Unterschätzen Sie diese Frage nicht! Was bezeichnen wir denn als Roboter? Die Financial Times zitierte Satya Nadella, den CEO von Microsoft, in einem Text mit den Worten „Robots are the future of work.“ Ich bekam sofort nach Erscheinen aufgeregte Anrufe und E-Mails von Kollegen, die fragten: „Warum wissen wir nicht, dass Microsoft jetzt Roboter baut?“ Ich dachte nur: „Hä? Was? Wie?“ Ich besorgte mir den Originalmitschnitt der Konferenz, auf der Nadella gesprochen hatte. Es stellte sich heraus, dass er nie von Robotern gesprochen hatte, so wie wir sie verstehen – also von Robotern als wirkliche Maschinen. Er sprach vielmehr von Chat Bots, von Software-Systemen, also von künstlicher Intelligenz. In den Medien wurde daraus sehr schnell „robot“, das Hardware-System. Das zeigt, wie komplex diese Diskussion ist.

Verstehe.
Ich war kürzlich für das Europaparlament Mitglied einer Expertenkommission. In einer Pressekonferenz vor 160 Journalisten fragte ich in den Raum: „Verstehen wir denn alle das Gleiche, wenn wir „Roboter“ sagen?“ Alle sagten: „Ja, selbstverständlich, doofe Frage. Ist ganz klar.“ Die Hälfte der Menschen im Raum meinte aber die Software, die andere Hälfte meinte Hardware. Da fängt das Problem schon an! Außerdem habe ich gelernt, was Roboter nicht können. Ich kam ja selbst aus dieser Science-Fiction-Denke: „Oh ja, super, wir bauen den nächsten Data oder Rosie the Robot, und diese Roboter können dann schon alles, und mit denen kann man reden, und die verstehen mich.“ Nein. Geht nicht. Tun sie nicht.

Die Digitalisierung schreitet dennoch voran, Technologien werden gebrauchsfertig. Vergessen Ingenieure bei all der technischen Entwicklung das Sprechen darüber?
Ich glaube durchaus, dass Sprachbeherrschung und die Möglichkeit, komplexe Sachverhalte auch trefflich auszudrücken, sehr wichtig sind. Zugleich habe ich diese Kompetenz gerade in Ingenieuren gefunden. Ingenieure gehen aufgrund der Komplexität dessen, worüber sie sprechen müssen, unheimlich trennscharf mit ihrem Vokabular um. Sie sind sehr, sehr genau bei der Verwendung von Sprache. Umgekehrt sind sie auch sehr effizient.

Das bedeutet?
Techniker sind spracheffizient. Sie reden das Nötige und müssten mehr Sprachempathie entwickeln. Aber das trifft auf den Arzt genauso zu. Die Aussage, dass jemand an einer schweren Krankheit leidet, ist nur ein Satz – allerdings ein Satz, der ein Leben verändern oder zerstören kann. Ich glaube, das Wie der Vermittlung ist genauso wichtig wie das Was. Wie ich eine Botschaft übermittle, ist in der Medizin so wichtig wie in der Biologie oder vor Gericht. Ich halte mangelnde Sprachempathie nicht für ein Defizit, das Technikern oder Informatikern vorbehalten ist. Diese Kompetenz müssen wir allgemein vermitteln, um nicht nur über den Inhalt, sondern auch über die Wirkung von Entwicklungen sprechen zu können. Unser Wirtschaftssystem ist gerade sehr auf das Was ausgerichtet. Wir sollten uns mehr Gedanken über das Wie machen.


Das Augsburger Maschinenbauunternehmen Kuka AG bezeichnet sich als „einen der führenden Automatisierungsspezialisten weltweit“. Die gut 14.000 Mitarbeiter entwickeln und bauen unter anderem Industrieroboter für die Automobilindustrie oder konzipieren vernetzte Produktionsanlagen. In der Rubrik „Was ich sagen kann“ sprechen wir regelmäßig mit Experten über Kommunikation. Hier die Übersicht der bislang erschienenen Folgen.

Interview: Peter Wagner
Illustrationen: Frank von Grafenstein
Foto: privat