„Die Mitarbeiter sind unsere Multiplikatoren“

Was ich sagen kann – Gespräche über Kommunikation: Agnes Zeiner leitet die interne Kommunikation bei Oerlikon, einem Schweizer Technologiekonzern. Sie will zeigen, welche Potentiale in ihrem Haus schlummern.

21. Februar 2018

Frau Zeiner, erklären Sie mir Oerlikon in Ihren Worten?
Oerlikon ist ein „alter“ Schweizer Technologiekonzern, der aus der ehemaligen Maschinenfabrik Oerlikon hervorgegangen ist. Seit einigen Jahren liegt der Fokus auf Oberflächenlösungen und neuen Materialien.

Wie lange sind Sie dabei?
Ich bin seit vier Jahren beim Konzern und habe vor allem bei Oerlikon Balzers gearbeitet, einer Business Unit für Dünnfilmbeschichtung. Seit August leite ich die interne Kommunikation im Konzern.

Inwiefern unterscheidet sich die neue Arbeit von der vorigen?
Ich habe vorher in erster Linie Kundenkommunikation gemacht – die Presse betreut, das Kundenmagazin erstellt, Geschichten für Kunden geschrieben. Jetzt bin ich dabei, die interne Kommunikation für unsere fast 14.000 Mitarbeitenden aufzubauen.

Wie ändert sich dabei die Stimme, mit der man schreibt?
Es gibt ja keine homogene Zielgruppe namens „die Mitarbeitenden“, für die wir schreiben. Wir unterscheiden aber zwischen jenen, die einen PC mit Internetzugang haben, und jenen, die nicht am PC arbeiten. Die einen erreichen wir vor allem über unser Intranet und mit elektronischen Newslettern, mit den anderen kommunizieren wir vor allem über das Anschlagbrett. In beiden Zielgruppen nutzen wir auch die Mitarbeiterversammlung und klassische Top-Down-Kommunikation über Linien­vorgesetzte, um Botschaften nach unten zu kaskadieren. In Zukunft wollen wir verstärkt auch auf die mobile Kommunikation setzen.

Wie schreiben Sie?
So einfach wie möglich. Das gilt auch für komplexe Zusammenhänge, damit sie von allen meinen Lesern verstanden werden – also nicht nur von den Experten, sondern auch von jenen, die sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben.

Sie haben vorher die Kundenmagazine produziert. Was haben Sie bei der Arbeit über das Unternehmen gelernt?
Mich hat die Begeisterung der Mitarbeiter fasziniert. Egal, ob ich mit Kollegen aus der Produktion geredet habe oder mit Menschen aus der Forschung oder dem Verkauf: Viele sind vom Hundertsten ins Tausendste gekommen…

Aus Freude darüber, dass sich jemand für ihr Tagwerk interessiert?
Vielleicht. Mir fiel aber auf, wie intensiv sich viele mit ihrer Arbeit beschäftigen und identifizieren. Das waren dann auch immer die besten Geschichten für das Heft.

Sie sind studierte Historikerin und beschäftigen sich heute mit Maschinenbau und Anlagentechnik. Wie kam es zu dem Sprung?
Ich habe fast immer in Unternehmen aus dem technischen Bereich gearbeitet. Ich arbeite gerne mit Technikern, weil sie oft sehr strukturiert arbeiten, das finde ich sehr angenehm.

Wer hat Sie geprägt?
Mein Vater war Chefredakteur einer Regionalzeitung, meine Mutter arbeitet noch heute als freie Journalistin. Meine Eltern haben mich ermuntert, Fragen zu stellen. Wissen weiterzugeben, aufzuklären, das war in unserer Familie das tägliche Leben.

Inwiefern ist Ihre Arbeit heute noch journalistisch?
In meinem Verständnis bin ich immer noch Journalistin. Das mögen die „richtigen“ Journalisten jetzt bitte nicht missverstehen, aber für meine Arbeit in der Kommunikation eines mittelgroßen Konzerns nutze ich ebenso wie sie journalistisches Handwerkszeug, wenn ich recherchiere und schreibe.

Welche Funktion hat interne Kommunikation in einem Unternehmen? Ist sie ein Kitt, eine Voraussetzung für Zusammenhalt?
Sie ist ein Bindeglied zwischen Führungsmannschaft und Mitarbeitenden, von oben nach unten und von unten nach oben. Die Mitarbeitenden sind unsere Multiplikatoren – gegenüber Kunden, Partnern und Lieferanten. Sie müssen Bescheid wissen.

Erst wenn wir uns besser kennenlernen, entdecken wir, was der Einzelne weiß und kann

Woran arbeiten Sie gerade?
Ich leite seit August die interne Kommunikation und baue den Bereich auf. Die Stelle wurde neu geschaffen und ich habe ein bisschen grüne Wiese vor mir. Gerade führen wir ein neues Intranet ein. Aus dem vierteljährlichen „Letter from the CEO“, der bislang als PDF verschickt wurde, haben wir einen „richtigen“ elektronischen Newsletter gemacht. Dadurch können wir jetzt nachvollziehen, wie der Newsletter an sich ankommt, und welche Artikel gelesen werden – so können wir unsere Inhalte besser anpassen. Das sind sicher nur kleine, aber trotzdem sehr wichtige Schritte. Unser Haus erlebt derzeit eine Kulturwende: Wir entwickeln uns von einem fragmentierten Konzern zu einem fokussierten Unternehmen. Entsprechend wichtig ist die interne Kommunikation.

Was meinen Sie damit genau?
Oerlikon war in den vergangenen Jahrzehnten ein Konzern mit Holdingstruktur und bestand aus vielen verschiedenen, einzelnen Unternehmen. Nun entwickeln wir uns zu einem fokussierten Unternehmen, in dem alle mehr zusammenarbeiten. Diese Transformation müssen wir nicht nur leben, sondern auch kommunizieren, denn für viele Mitarbeitende bedeutet das auch, ihr Denken und Handeln zu ändern. Dazu kann ich beitragen.

Ist interne Kommunikation dazu da, die Mitarbeiter zusammenzuführen?
Wir wollen vor allem ein Verständnis, ein Bewusstsein für das Wissen schaffen, das in unserem Unternehmen vorhanden ist. Erst wenn wir uns besser kennenlernen, entdecken wir, was der Einzelne weiß und kann, und wie er zu bestimmten Themen oder Projekten beitragen könnte.

Welche Fähigkeit, die Sie sich als Historikerin angeeignet haben, hilft Ihnen noch heute?
Ich habe gelernt zu recherchieren und die richtigen Fragen zu stellen. Man sollte wissen, wo man Dinge findet, wenn man sie braucht. Ich könnte mir kein besseres Studium vorstellen, wenn man Journalistin oder Journalist werden will oder in die Kommunikation gehen möchte.

Kommt Ihnen Ihr Unternehmen eher wie eine Stadt oder wie ein Dorf vor?
Interessanter Vergleich. Ich sehe eine Kleinstadt mit dörflichen Strukturen vor mir. Die einen mögen sich, die anderen nicht…

Und Sie sind die Lokalreporterin.
Stimmt!


Oerlikon ist ein weltweit aktiver Technologiekonzern, der, so die Eigenbeschreibung, „marktführende Technologien und Dienstleistungen“ anbietet. Der Konzern gliedert sich in drei Segmente: Surface Solutions, Manmade Fibers und Drive Systems. In der Rubrik „Was ich sagen kann“ sprechen wir regelmäßig mit Experten über Kommunikation. Hier die Übersicht der bislang erschienenen Folgen.

Interview: Peter Wagner
Illustrationen: Frank von Grafenstein
Foto: PR