Eine kurze Geschichte des Newsrooms

Carsten Matthäus | Foto (c) SZ Foto/ 27. Januar 2018

Der Newsroom einer Zeitung hieß zu Anfang Nachrichten­redaktion und hatte eine Fernschreibzentrale. Dort entstand jeden Tag einmal eine Zeitung. Informationen wurden akribisch überprüft, Texte auf den Buchstaben genau eingepasst.

Dann kamen die Explosionen.

Es explodierten die Informationen. Unendliche Mengen unge­prüfter Inhalte überfluten die Leser und die Zeitungsmacher. Wissen wurde zum öffentlichen Gut.

Der Newsroom produzierte weiter eine Zeitung.

Ein paar junge Leute durften nun aber auch dort sitzen und im Namen der Zeitung Inhalte im Netz verschenken. An manchen Orten saßen die jungen Leute hinten im Eck. Wenn sie zu laut redeten, bekamen sie eine Verwarnung. Es explodierten die Formate: Texte, Bilder, Videos, Grafiken – interaktiv, 360-Grad, alles beliebig kombinierbar, auf jedem Endgerät, an jedem Ort, zu jeder Zeit abrufbar.

Der Newsroom produzierte weiter eine Zeitung.

Die jungen Leute durften die Artikel nun auch anreichern, mit den neuen Formaten spielen. Die Zeitung wird jetzt sogar digital ver­kauft. Es explodieren die Reaktionen. Medien haben ihre Führer­schaft bei Informationen verloren, sie sind nur noch Knotenpunkte in einem unendlich komplexen Gewirr von Kommunikation und müssen ständig Fragen beantworten.

Während die Zeitung weiter produziert wird, dürfen die jungen Leute im Namen der Zeitung mit denen reden, die auf die Zeitung reagieren.

Es explodiert die Zahl der Mitspieler. Ein Medium ist jetzt potenziell jeder. Jedes Unternehmen, jede Person, sogar Tiere und eine schnell wachsende Zahl von Maschinen. Manche von Ihnen beeinflussen mit einfachsten Mitteln mehr Menschen als jede Zeitung es könnte. Die jungen Leute im Newsroom dürfen nun ihren eigenen Einfluss, ihre Influence, im Netz nutzen, um für die Zeitung zu werben.

Es explodieren die Datenmengen.

Unfassbare Massen können analysiert werden. Sie können in Echtzeit widergeben, was gerade welchen Menschen interessiert. Sie erlauben es zu lernen, wie dieses unendlich komplexe Gewirr von Kommunikation, das Weltgehirn, funktioniert.

Da, plötzlich, explodiert auch der Newsroom selbst.

Die Redaktion trifft sich noch in einem großen Raum, der virtuell erweitert wurde. Aber jeder versorgt von hier aus sein eigenes Publikum, jeder ist ein selbständiger Publizist. Ein paar von ihnen machen noch eine Zeitung, aber das eher nebenbei. Was man teilt, ist der Inhalt, den man gemeinsam akribisch überprüft und für die verschiedenen Publika und Nutzungssituationen aufbereitet.
Die Zeitung ist jetzt eine Marke, mehr eine Idee, eine Plattform.

Sie wird zu einer Bewegung, die Menschen weit über die Landes- und Sprachgrenzen begeistert.