Interview mit unserem Lektoratsleiter Wolfgang Arzt

SZ Scala/ 05. Mai 2020

Mit dem Lektorat steht und fällt ein jedes Buch. Lektoren sind jedoch nicht ausschließlich für die Bearbeitung von Texten zuständig, sondern häufig auch für die Steuerung eines Buchprojekts mit all seinen Einzelphasen. Im Interview erzählt uns Wolfgang, was zu seiner täglichen Arbeit gehört, und gibt allen, die gerne selbst Lektorin oder Lektor werden wollen, Tipps zum Einstieg in den Beruf.

 

Lieber Wolfgang, du arbeitest seit vielen Jahren im Lektorat bei der SZ Scala. Was genau sind deine Aufgaben als Lektor?
Wolfgang: “Schwerpunktmäßig betreue ich die Buchtitel, die in der seit über 30 Jahren bestehenden Buchreihe „Die Bibliothek der Technik“ erscheinen. Dabei handelt es sich um kompakte übersichtliche Bände, die wir in Zusammenarbeit mit führenden Unternehmen aus der Industrie erarbeiten. Als Lektor fungiere ich hier als Projektleiter und erster Ansprechpartner für die Firmen. Das heißt: Ich bin von den ersten Gesprächen mit den Firmenverantwortlichen bis hin zur Auslieferung der Bücher an den Kunden eng in den Gesamtprozess eingebunden und seitens der SZ Scala dafür verantwortlich, dass das Buchprojekt erfolgreich durchgeführt wird. Weil viele Themen sehr spezifisch sind, stellen die Firmen in der Regel die Autoren selbst aus den eigenen Reihen. Alles Fachleute auf ihrem Gebiet, die aber nicht immer über große Schreiberfahrung verfügen. Deshalb steht die intensive Auseinandersetzung mit den Texten im Zentrum meiner Tätigkeit und beansprucht die meiste Zeit. Zunächst also das Prüfen auf inhaltliche Plausibilität, auf eine logische, nachvollziehbare Struktur, auf eine saubere argumentative Linie und auf sprachliche Verständlichkeit. Sind hier Mängel zu erkennen, muss ich entsprechend nachjustieren – natürlich immer in Absprache mit den Autorinnen und Autoren. Darüber hinaus fungiere ich als Schnittstelle zu Dienstleistern wie Satzbetrieben oder Grafikern und koordiniere die jeweils notwendigen Schritte. Die Aufgabe ist hochinteressant und herausfordernd, da wir es im Lektorat mit einer großen Bandbreite an Themen zu tun haben und mit Unternehmen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenarbeiten.”

Was würdest du jemandem empfehlen, der Lektor werden möchte? Was sollte die Person auf jeden Fall mitbringen? Was ist kontraproduktiv für den Beruf?
Wolfgang: “Wer sich für diesen Beruf interessiert, sollte sich prüfen, ob er folgende Eigenschaften mitbringt: Man sollte gerne mit Sprache umgehen, Spaß am Lesen unterschiedlichster Texte haben und bereit sein, sich wirklich intensiv auf Texte einzulassen. Ebenfalls ganz wichtig ist ein langer Atem, weil man die zu bearbeitenden Texte mehrmals lesen muss, um sie zu durchdringen und zu erkennen, wo zwingend nachgebessert werden muss oder wo es Möglichkeiten zur Optimierung gibt. Man sollte ein kritischer, aber zugleich loyaler Begleiter der Autorin oder des Autors sein. Das heißt: Man muss Kritik klar benennen, sich aber auch in die Befindlichkeiten der Autorin oder des Autors hineinversetzen können. Wichtig ist, dass man in der Lage ist, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, denn das ist die Basis, um gemeinsam das Bestmögliche aus dem vorhandenen Material herauszuholen. Kontraproduktiv ist auf jeden Fall, wenn man sich als Lektorin oder Lektor über die Autorin oder den Autor stellt und meint, man könnte es besser.”

Gibt es einen klassischen Weg, um Lektor bzw. Lektorin zu werden?
Wolfgang: “Ein klassischer Weg für diesen Beruf existiert nicht, da kein spezifisches Studium bzw. keine entsprechende Ausbildung angeboten wird. Es gibt diverse Möglichkeiten, in diesen Beruf einzusteigen. Viele bringen ein geisteswissenschaftliches Studium als Basis mit, insbesondere natürlich in belletristischen oder Publikumsverlagen, in technischen Verlagen hingegen sind in der Regel Absolventen technischer Studiengänge gefragt. Der Einstieg erfolgt meist über ein Praktikum in einem Verlag oder mehrere Praktika in verschiedenen Verlagen, manchmal auch über ein Volontariat. Hier gilt es neben dem Erwerb von Kenntnissen in praktischer Lektoratsarbeit möglichst auch ein entsprechendes Netzwerk zu knüpfen, um so seine Chance zu erhöhen, anschließend oder zu einem späteren Zeitpunkt fest übernommen zu werden. Dann hängt es natürlich von den jeweiligen Verlagen ab, wie schnell man eigenverantwortlich Buchprojekte betreuen darf. Da feste Lektoratsstellen in den Verlagen jedoch dünn gesät sind, streben viele an, als freie Lektorinnen oder Lektoren zu arbeiten. Um sich dafür das nötige Rüstzeug anzueignen, bieten Weiterbildungsträger wie beispielsweise die Akademie der Deutschen Medien oder der Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren Grundlagenseminare oder Fortbildungsveranstaltungen für freie Lektorinnen und Lektoren an.”

Wie bist du Lektor geworden und wie lange bist du es schon?
Wolfgang: “Nachdem ich mein Studium der Literatur- und Kommunikationswissenschaften beendet hatte, musste ich eine Weile suchen, bis ich die Möglichkeit bekam, im verlag moderne industrie, damals einem klassischen Technik- und Wirtschaftsverlag, ein Volontariat zu starten. Ich bin dann gleich im Bereich der technischen Bücher gelandet und habe dort meine ersten Erfahrungen in praktischer Lektoratsarbeit gemacht. Nach dem einjährigen Volontariat wurde ich als Lektoratsassistent übernommen und habe den Lektorinnen und Lektoren zugearbeitet und nach und nach eigene Buchprojekte eigenverantwortlich bearbeitet. 1992 bin ich zum Lektor ernannt worden.”

Kannst du beim Lesen in der Freizeit noch abschalten oder korrigierst du in Gedanken die Fehler und markierst Stilschwächen?
Wolfgang: “Das ist unterschiedlich. Bin ich vom Inhalt eines Textes gefesselt und voll darauf fokussiert, dann lese ich nicht analytisch und nehme Fehler nicht oder nur am Rande wahr. Bei manchen Texten kommt wieder mehr der Lektor durch und ich sehe mir genau den Aufbau der Texte, die inhaltliche Darstellung, den Sprachstil sowie Orthografie und Interpunktion an.”

Vielen Dank Wolfgang!