„Wir gehen direkt zu den Leuten“

Was ich sagen kann – Gespräche über Kommunikation: Nicole Huber leitet das Referat des Heidelberger Oberbürgermeisters. Mit der Plattform holdenoberbuergermeister.de animiert sie die Menschen in ihrer Stadt zu mehr Teilhabe.

26. Januar 2018

Frau Huber, woran arbeiten Sie gerade?
Ich kümmere mich um viele Dinge, zum Beispiel um die internationalen Beziehungen Heidelbergs, um die Digitalisierung der Verwaltung, um bürgerschaftliches Engagement, um die Markenkommunikation…

Das ist einiges.
Auch die ganzen Fördermittel sind bei mir angedockt. Gerade schreiben wir zwei Anträge ans Wirtschafts- und Innenministerium, in denen es um Digitales geht. In erster Linie aber bringe ich Akteure der Stadt zusammen, entwickle Ideen und koordiniere deren Umsetzung.

Ist holdenoberbuergermeister.de eine Adaption aus dem Ausland?
Nein, die Seite habe ich mit einem Masterstudenten entwickelt. Er wollte ursprünglich etwas zum Stadtmarketing schreiben, ich sah aber, dass wir uns dringend etwas für die Kommunikation mit dem Bürger ausdenken müssen.

Weshalb?
Informationen zu unserer Arbeit dringen nicht mehr durch. Die Menschen schreiben dem OB kaum mehr Briefe, auch die Mails werden weniger. Von der Masse der Menschen gibt es keine Rückmeldung und zu den Bürger- und Infoveranstaltungen kommen vor allem Leute, die sich vor 300 Menschen und der versammelten Stadtregierung auch artikulieren können.

Das ist eine Hürde.
Aber trotzdem gibt es ja Beschwerden, Ideen und Kritik von Menschen, die keine Lust haben, sich in der Öffentlichkeit laut zu äußern.

Aber ist nicht eigentlich die Bürgersprechstunde dazu gedacht, Kritik oder Ideen vorzubringen?
Die beginnt am frühen Nachmittag, weil der OB abends meist Termine hat.

Schlechte Zeit.
Weil man sich dazu freinehmen muss! Wie kann man uns also erreichen? Als Antwort entstand holdenoberbuergermeister.de, eine Plattform, auf der die Heidelberger ganz einfach Anliegen hinterlassen können. Erreicht ein Projekt oder eine Frage mehr als 100 Unterstützer im Monat, setzt sich der OB damit auseinander – und kommt vorbei.

Nennen Sie mir ein Beispiel, mit dem ich den Ablauf nachvollziehen kann.
Die Schüler der Berufsschule schrieben, sie wünschten sich, dass man an ihrer Schule auch, wie an anderen Berufsschulen im Umland, das Abitur machen könne. Viele Berufsschüler, die Abitur machen wollen, müssen dafür am Ende die Schule wechseln und in den Odenwald oder nach Mannheim fahren. Wer den Aufwand scheut, macht einfach kein Abitur – obwohl er vielleicht könnte. Als der Oberbürgermeister zum Gespräch an die Schule kam, war die Aula voll. Alle Schüler und Lehrer waren da und diskutierten.

Wie ging es weiter?
Wir haben beim Regierungspräsidium Baden-Württemberg darum geworben, dass auch an dieser Berufsschule Abitur gemacht werden kann. Selbst wenn die Stadt nicht für solche Fragen zuständig ist: Wir reden ja immer noch über Heidelberger Schüler und deren Probleme.

Wie viele Menschen haben die Plattform in den drei Jahren seit Bestehen genutzt?
Etwa 7500 und zwei Drittel der Nutzer sind jünger als 27.

Die Anliegen scheinen recht zivilisiert, wenn man sich die Seite anschaut. Einmal geht es um viel Verkehr in Neuenheim, dann um einen Werkraum für eine Schule, dann um eine Fußgängerampel. Kein Stress, kein Pöbeln?
Wir filtern nichts und müssen selten eingreifen, weder bei den Anliegen noch bei den Kommentaren. Wichtig ist: Wir reagieren immer. Wer die 100 Stimmen nicht erreicht, bekommt dennoch eine Antwort – ob es eine Chance auf den Werkraum gibt, auf die Fußgängerampel, auf eine andere Verkehrsführung.

Welches Projekt war besonders beliebt?
Der Cannabis Social Club warb für einen geschützten Club, in dem Cannabis konsumiert werden kann. Das gibt es bereits in vielen Städten. Die Diskussion mit dem OB war sehr sachlich und stieß auf große Resonanz. Auch wenn der OB die Idee ganz persönlich nicht so gut findet.

Sie haben schon erwähnt, wie schwierig es ist, Menschen für lokale Politik zu begeistern. Welche Lehren ziehen Sie aus dem Erfolg Ihres inzwischen mehrfach ausgezeichneten Projekts?
Man muss die Menschen abholen, wo sie sind: im Internet.

Klingt banal.
Ist aber so. Und es geht um die Umkehr der Hierarchie: Wir kommen wegen der Themen der Menschen – und nicht die Menschen wegen unserer Themen. Wer mehr als 100 Stimmen bekommt, muss selbst die Veranstaltung organisieren, zu der dann der OB kommt. Er muss einen Raum suchen, weitere Unterstützer finden und einbinden.

Noch während der Veranstaltung werden Arbeitsaufträge verteilt. Und wir geben immer und auf jeden Fall Rückmeldung

Das verändert die Wertigkeit: Der Einreicher ist gezwungen, seine Idee zu etablieren und vor allen anderen auszuformulieren.
Viele lernen auf holdenoberbuergermeister.de auch, dass ihr Anliegen ein Einzelthema ist. Wenn nur zwei Stimmen hinzukommen, sehe ich: Das interessiert offenbar nur mich. Das ist ein Barometer für die Person selbst, aber auch für uns. Die Seite ist zum Frühwarnsystem für kommunale Probleme geworden.

Sie veröffentlichen und bearbeiten Geschichten, die früher zuerst in der Lokalzeitung gelandet wären. Legen Sie die Geschichtenquellen der Journalisten trocken?
Als ich das Projekt launchte, habe ich die Lokalzeitung informiert und stieß auf wenig Gegenliebe. Die Journalisten berichten ja gerade dann, wenn es Probleme gibt, wenn sich Leser beschweren, wenn die Stadtverwaltung versagt hat. Ich ziehe diese Beschwerden teilweise auf unsere Plattform. So können wir schon früh Probleme aufgreifen oder rechtzeitig informieren. Oft gibt es schlicht ein Info-Defizit: Die Leute kennen Details hinter den Dingen nicht.

Reicht denn die Website, um der Probleme Herr zu werden?
Wir hatten mal eine Seite, auf der Bürger Fragen stellen durften, die wir dann mit Factsheets beantwortet haben. Das hat aber kein Mensch gelesen. Ab Frühjahr starten wir deshalb zusätzlich mit einem Newslettersystem aus England: Die Bürger können sich Newsletter der Stadt zu allen Themen zusammenstellen, die sie interessieren.

Wie reagieren eigentlich die Stadträte auf das Projekt, in dem der OB so im Fokus steht?
Die waren anfangs skeptisch, schicken jetzt aber auch die Bürger auf unsere Plattform und kommen zu den Terminen. Der OB kommt gleich zusammen mit den zuständigen Mitarbeitern, die für das jeweilige Thema zuständig sind: So können wir Probleme schneller lösen. Noch während der Veranstaltung werden Arbeitsaufträge verteilt. Und wir geben immer und auf jeden Fall Rückmeldung.

Geht es in erster Linie ums Zuhören?
Das ist es, was der OB bei den Terminen macht: Er hört zu. Wenn die Menschen sich einmal ausgeschimpft haben, findet man immer eine gute Lösung. Wenn man aber den Kanal gar nicht öffnet, damit sich Frust entladen kann – der zum Teil berechtigt ist –, dann kriegt man nie eine Lösung hin. Dann bleiben immer verhärtete Fronten. Deshalb gehen wir direkt hin zu den Leuten.


Heidelberg zählt mehr als 154.000 Einwohner und gilt vor allem wegen seiner pittoresken Altstadt zu einem der beliebtesten Reiseziele im Land. Nicole Huber kümmert sich im Auftrag des Oberbürgermeisters um eine Reihe von Zukunftsprojekten. In der Rubrik „Was ich sagen kann“ sprechen wir regelmäßig mit Experten über Kommunikation. Hier die Übersicht der bislang erschienenen Folgen.

Interview: Peter Wagner
Illustration: Frank von Grafenstein
Foto: PR