Virtual Reality: München leuchtet

Vor zwei Jahren waren Erlebnisse mit Virtual-Reality-Filmen noch etwa so: Menschen torkeln mit riesigen, blindmachenden Brillen behelmt umher, die weiteren Zuschauer fragen sich, ob sie sich das auch antun wollen.  Die Filme sind in der Regel enttäuschend – verwaschen, hakelig, ohne Dramaturgie.

Carsten Matthäus

Seither hat sich viel getan. Virtual Reality (VR) wird in rasanter Geschwindigkeit zu einer hochinteressanten Möglichkeit, in Geschichten einzutauchen. Wir hatten den Auftrag, für die Messe München ein 360°-Video zu produzieren, und freuten uns über das bildstarke Thema. Im Rahmen der Weltleitmesse BAU veranstalten die Messe-Macher die Lange Nacht der Architektur, in der die Besucher über 70 spannende Gebäude in München besichtigen können. Für alle Interessierten ist dieser nächtliche Streifzug kostenlos, Busse fahren die Gäste von Ort zu Ort.
Hier ist das Ergebnis:

Lighthouse, Flughafen-Tower, Goldbarren

Für unseren Dreh haben wir drei dieser Gebäude ausgewählt: Das Lighthouse, die Unternehmenszentrale des Lichtkonzerns Osram mit Blick über das nächtliche München. Den ehemaligen Flughafen-Tower in Riem, der jetzt von der Firmenzentrale des Medizinsoftware-Unternehmens Brainlab umarmt wird. Und das Goldhandelshaus pro aurum, das wie ein Goldbarren aussieht. Dort wurden wir mit unserer Kamera sogar in den Schatzkeller gelassen.

Neue Dreherfahrung

Ein 360°-Dreh ist für alle Beteiligten etwas gänzlich anderes als ein Video-Dreh. Hier einige Dinge, die uns aufgefallen sind:

1. Es gibt kein „vor der Kamera“. Und, noch wichtiger, auch kein „dahinter“. Equipment und Drehteam müssen richtig versteckt werden. Sobald die Aufnahme lief, sind wir hinter einer Säule, einer Wand, einer Hecke verschwunden, um nicht von den Überall-Augen der Kamera erfasst zu werden.

2. Passanten erkennen die Kamera nicht immer sofort als Kamera und begegnen dem Gerät weniger scheu, dafür aber auch manchmal etwas zu neugierig. Das führt dazu, dass das um die Ausrüstung besorgte Filmteam von Zeit zu Zeit rettend zur Kamera rennen muss.

3. Möglichst alle Perspektiven müssen optisch etwas bieten. Ein VR-Video wird anders rezipiert: Man tendiert dazu, jeder Perspektive, jedem Bilddetail die volle Aufmerksamkeit zu schenken – weil die Technik ungewohnt ist und es noch keine Rezeptionsgewohnheiten gibt im Sinne von „Der Schurke erscheint in Minute 17“. Dafür werden Stimmungen sehr eindrucksvoll transportiert, sei es die volle Konzerthalle oder eben das Millionendieb-Gefühl beim Blick in den Tresorraum.

4. Die Kamera, die wir beim Dreh benutzten, hatte die Seriennummer 40. Tatsächlich gibt es erst seit Dezember 2016 Kameras, die es erlauben, aus den vielen aufgenommenen Bildern in Echtzeit ein 360°-Bild zu erzeugen. Das erleichtert das Filmen enorm – umfangreiche Lichttests und Probeaufnahmen, deren Qualität sich erst beim Post-Processing am Rechner zeigt, entfallen damit. Die enorme technische Weiterentwicklung lässt erkennen, welches Potenzial hier noch schlummert. Mit der Popularisierung der Technik werden sich weitere erzählerische Formate herausbilden. Es verändert das filmische Storytelling fundamental, wenn der Zuschauer selbst die Perspektive bestimmen kann. Was wird erst sein, wenn er auch über die Länge und Reihenfolge der Szenen bestimmen kann, jeder Film also individuell geschnitten wird?

Wir waren froh, bei der Langen Nacht der Architektur eine vergleichsweise ruhige Atmosphäre zu filmen. Wir konnten so die Bilder lange stehen lassen und dem Betrachter Zeit geben, sich umzusehen. Text, Musik und Stimme sind eher angenehme Begleiter als Treiber des Zuschauers. Auch das ist eine Lehre der neuen VR-Erzählweise: Man hat als Filmemacher die Verantwortung, dass der Betrachter nicht unnötig ins Torkeln gerät.

Kontakt:
Carsten Matthäus
carsten.matthaeus@sz-scala.de
Tel.: +49 89 2183 9785

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